Der Austritt beginnt eigentlich schon beim Eintritt
Ein Spitalaufenthalt bedeutet für viele Menschen Unsicherheit und eine Zeit voller Fragen. Auf der medizinischen Bettenstation im Spital Emmental werden Patientinnen und Patienten mit einer Vielzahl an Krankheitsbildern betreut. Die Betroffenen treffen dort auf Fachpersonen, die sie Schritt für Schritt begleiten – oft unter hohem Druck, aber mit dem Ziel, den Weg durch den Spitalalltag so gut wie möglich zu gestalten.
Text: Teresa Schmidt • Geprüft von: Melanie Pelozzi, Co-Abteilungsleiterin Pflege und Noemi Galliker, Assistenzärztin Medizin
Der Weg ins Spital beginnt für viele Menschen im Notfall. Beschwerden, Unsicherheit, manchmal auch Angst – vieles ist noch unklar. «Nach den Pflegenden sind wir Assistenzärztinnen und -ärzte die Ersten, welche die Patientinnen und Patienten sehen», sagt Noemi Galliker, Assistenzärztin Medizin am Spital Emmental.
Was folgt, ist kein Entscheid einer Einzelperson, sondern ein sorgfältiges Annähern. Gespräche, die Krankengeschichte und die Frage, wie es zu Hause ging, fliessen zusammen mit Untersuchungen, Laborwerten und – wenn nötig – Ultraschall, Röntgen oder CT in die Beurteilung ein. Schritt für Schritt entsteht ein Gesamtbild, das im Team gemeinsam eingeordnet wird. Für die Patientinnen und Patienten ist in diesem Moment vor allem eines wichtig: Orientierung. Verstehen, was gerade passiert – und wie es weitergeht.
Alltag zwischen Nähe und Tempo
Wenn der Entscheid für einen stationären Aufenthalt gefallen ist, kommen die Patientinnen und Patienten auf die Bettenstation – und damit in den eigentlichen Spitalalltag. Hier ist die Pflege die konstante Begleitung. Sie ist nah an den Patientinnen und Patienten dran, erlebt deren Alltag mit, beobachtet Veränderungen und setzt Therapien um. Die Schichtleitung der Pflegeabteilung ist über Neueintritte informiert, verteilt die Aufgaben im Team und sorgt dafür, dass der Alltag koordiniert abläuft. Gleichzeitig geht es nicht nur um Organisation, sondern auch um Einschätzung: Wie geht es der Patientin wirklich? Was braucht der Patient in diesem Moment?
Viele Prozesse laufen parallel ab: Neue Patientinnen und Patienten kommen an, andere bereiten sich auf den Austritt vor, Situationen verändern sich laufend.
«Man muss vom Timing her sehr flexibel sein. Teamarbeit ist das A und O – sonst geht gar nichts.»
Melanie Pelozzi
Co-Abteilungsleiterin Pflege auf der medizinischen Station B2
Gerade in diesen dichten Momenten zeigt sich die Rolle der Pflege besonders deutlich: Sie behält den Überblick und bleibt gleichzeitig nah an den Menschen dran.
Auch für die Ärzteschaft bleibt der Alltag dynamisch. «Wenn es Patientinnen und Patienten auf den Bettenstationen plötzlich schlechter geht, ist Teamarbeit besonders gefragt», erklärt Noemi Galliker. In solchen Momenten gilt es, Prioritäten zu setzen. Sie ergänzt: «Es geht darum, entscheidende Probleme rasch zu erkennen, die richtigen Massnahmen zu ergreifen und so das bestmögliche Ergebnis für die Betroffenen zu erzielen. Weniger Dringliches rückt in solchen Momenten in den Hintergrund.»
Viele Perspektiven, ein Ziel
Damit der Alltag funktioniert, braucht es einen intensiven Austausch zwischen allen Beteiligten. Mehrmals täglich kommen Pflege und Ärzteschaft zusammen, besprechen Situationen, teilen Beobachtungen und entscheiden gemeinsam über das weitere Vorgehen. Ärztinnen und Ärzte sehen die Patientinnen und Patienten punktuell, treffen medizinische Entscheide und planen Therapien. Die Pflege hingegen ist kontinuierlich präsent.
«Die Pflege verbringt viel mehr Zeit mit den Patientinnen und Patienten. Sie ist extrem wichtig für das Gesamtbild.»
Noemi Galliker
Assistenzärztin Medizin
Auch für die Pflege der medizinischen Station ist dieser Austausch zentral: «Wir sind am nächsten an den Patientinnen und Patienten dran und sehen oft als Erste, wenn sich etwas verändert», sagt Melanie Pelozzi. Häufig sind es genau diese Beobachtungen, die den entscheidenden Unterschied machen.
Schon heute an morgen denken
Während die Behandlung läuft, haben die Beteiligten auch den Austritt im Blick. «Der Austritt beginnt eigentlich schon beim Eintritt», sagt Melanie Pelozzi. Dabei geht es nicht nur darum, wann jemand medizinisch stabil ist. Entscheidend ist auch, wie es danach weitergeht. Kann die Patientin nach Hause zurück? Braucht der Patient Unterstützung, etwa in Form einer weiterführenden Betreuung?
«Unsere Aufgabe ist es, den Überblick zu behalten und den Pflegeprozess nicht nur während des Spitalaufenthalts, sondern auch im Anschluss zu steuern, damit am Ende alles ineinandergreift», sagt die Co-Abteilungsleiterin.
Gerade hier wird es oft schwierig. Anschlusslösungen wie Rehabilitationen oder ein Platz in einer Langzeitinstitution sind nicht immer sofort verfügbar. Die Organisation solcher Lösungen erfolgt durch die Sozialberatung. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das, länger im Spital zu bleiben, als sie vielleicht erwartet haben. Während dieser Zeit können sie jedoch bereits von Physiotherapie, Ergotherapie oder Ernährungsberatung profitieren.
Der Weg zurück
Wenn der Austritt näher rückt, führt die Ärzteschaft das Austrittsgespräch und erklärt, welche Medikamente, weiterführenden Therapien und ambulanten Abklärungen nötig sind und wie diese organisiert werden. «Wir schauen, was es nach dem Spitalaufenthalt braucht und was wir hierfür bereits vom Spital aus verordnen können und müssen», sagt Noemi Galliker. Die Pflege und die Ärzteschaft sorgen gemeinsam dafür, dass dieser Übergang gelingt. Sie klären offene Fragen, beziehen Angehörige ein und geben Sicherheit für die Zeit nach dem Spitalaufenthalt. Dabei spielt die Pflege eine zentrale Rolle, indem sie Unsicherheiten auffängt und Patientinnen und Patienten eng begleitet, sodass diese sich gut auf den nächsten Schritt vorbereitet fühlen.
Nach dem Austritt bleibt wenig Zeit, um innezuhalten. Betten und Zimmer werden vorbereitet, neue Patientinnen und Patienten kommen mit neuen Geschichten und Diagnosen. Was bleibt, ist das Zusammenspiel vieler Menschen, die im Hintergrund und am Bett dafür sorgen, dass der Weg durch das Spital gelingt – vom Eintritt über den Aufenthalt bis zur Zeit danach.
Oder wie Noemi Galliker sagt: «Am Ende braucht es immer alle.»