Beurteilen, entscheiden, handeln - Notfallpflege im Spital Emmental
Ob über den Rettungsdienst, eine Überweisung durch die Hausarztpraxis oder das Medphone, intern über ein Ambulatorium oder als Walk-in: Verschiedene Wege führen in die Notaufnahme des Spitals Emmental. Lena Krebs und Leonie Scheidegger, Co-Leiterinnen der Notfallstation Burgdorf, erklären, wie der Arbeitsalltag zwischen Struktur und Ungewissheit aussieht.
Text: Anja Gerber • Geprüft von: Lena Krebs und Leonie Scheidegger, Co-Leiterinnen Notfallpflege
Die Notaufnahme in Burgdorf wirkt auf den ersten Blick ruhig. Zwei Personen sitzen im Wartebereich, eine weitere wurde soeben von einer Pflegefachperson in eine Koje begleitet, weitere Mitarbeitende arbeiten konzentriert an den Computern. Doch der Schein trügt: Hinter den Türen werden weitere Notfälle behandelt, überwacht und abgeklärt. Jederzeit kann ein weiterer Notfall eintreffen – dessen Beschwerden und Zustand zunächst völlig unbekannt sind.
«Wir wissen nie, was an einem Arbeitstag auf uns zukommt, welche Personen bei uns eintreffen und in welchem Zustand sie sich befinden», beschreibt Leonie Scheidegger ihren Arbeitsalltag.
Triage – wer kommt als Nächstes dran?
Unabhängig davon, in welchem Zustand und über welchen Weg jemand in den Notfall gelangt, wird die Person zuerst von einer Notfallpflegefachperson in Empfang genommen. Behandelt wird nicht der Reihe nach, sondern nach Dringlichkeit.
Die sogenannte Triage bildet die strukturierte Ersteinschätzung des Gesundheitszustands. Anhand eines vorgegebenen Schemas werden die Vitalparameter erhoben und die Bedrohlichkeit der Symptome eingeschätzt. Oft bleiben dafür nur wenige Minuten. Anschliessend entscheiden die Pflegefachpersonen, wie dringend ein Notfall ist und sorgen dafür, dass die Patientin oder der Patient rasch die passende Behandlung erhält. Damit übernimmt die Pflege eine zentrale Rolle im Notfallgeschehen und ist die Drehscheibe der Abteilung.
Grundlage für die Triage ist das international etablierte Emergency-Severity-Index-System (ESI) mit fünf Dringlichkeitsstufen – von ESI 1 (sofortige lebensrettende Massnahmen notwendig) bis ESI 5 (keine zusätzlichen Ressourcen notwendig, etwa bei einfachen Anliegen wie Rezepten oder Krankheitszeugnissen). Dazwischen liegen abgestufte Dringlichkeiten, die sich danach richten, wie stabil eine Person ist und welche diagnostischen oder therapeutischen Massnahmen benötigt werden.
Von lebensbedrohlichen Situationen bis hin zu kleineren Anliegen reicht das Spektrum, mit dem das Team täglich konfrontiert ist.
«Wir müssen in sehr kurzer Zeit herausfinden, wie es einer Person geht und wie dringend sie Hilfe braucht.»
Lena Krebs
Co-Leiterin Notfallstation Burgdorf
Warum Warten manchmal unvermeidlich ist
Nach der Einstufung beginnt die eigentliche Behandlung. Personen in lebensbedrohlichem oder kritischem Zustand werden zuerst versorgt – häufig im Schockraum. Dort arbeitet ein interdisziplinäres Team eng zusammen, um die Ursache der Beschwerden rasch zu erkennen und die notwendigen lebensrettenden Massnahmen einzuleiten.
Doch auch weniger dringende Notfälle beanspruchen Zeit und Ressourcen. Blutuntersuchungen, EKGs, Röntgenbilder oder CTs müssen durchgeführt und ausgewertet werden. Medikamente werden verabreicht, Infusionen gelegt oder Patientinnen und Patienten überwacht. Wer überwacht werden muss, kann nicht in den Wartebereich zurückkehren und belegt deshalb ein Behandlungszimmer.
«Viele Prozesse laufen im Hintergrund – das sieht man im Wartezimmer nicht», sagt Lena Krebs. Deshalb sei es für viele Patientinnen und Patienten schwierig nachzuvollziehen, weshalb Wartezeiten entstehen.
Im Durchschnitt verbringen Patientinnen und Patienten rund vier Stunden in der Notaufnahme. Während der Stosszeiten über Mittag und am Feierabend kann es länger dauern. Auch bei einfachen Beschwerden sind deshalb längere Wartezeiten möglich.
«Ziel des Triagesystems ist es nicht, alle gleich lang warten zu lassen, sondern Leben zu retten.»
Leonie Scheidegger
Co-Leiterin Notfallstation Burgdorf
Für wartende Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen ist diese Situation oft belastend. «Wir fangen auf der Notfallstation unterschiedliche Emotionen ab. Viele sind verständlicherweise aufgeregt, verunsichert oder haben Angst», erklärt Lena Krebs.
Zwischen Routine und Ausnahmesituationen
Die Arbeit der Notfallpflege geht weit über die Triage hinaus. Sie umfasst medizinische, organisatorische und kommunikative Aufgaben gleichermassen. Blutentnahmen, EKGs, Abstriche oder das Legen von Infusionen gehören ebenso dazu wie die Koordination des gesamten Behandlungsablaufs. «Wir sind Bindeglied zwischen Patientin und Patient, Ärzteteam und Angehörigen», erklärt Leonie Scheidegger. «Wir nehmen Bedürfnisse wahr, vermitteln und erklären, was passiert.»
Gleichzeitig begleiten die Pflegefachpersonen Menschen in belastenden Situationen, koordinieren Aufgaben im Team, arbeiten eng mit anderen Berufsgruppen zusammen und sorgen dafür, dass die Abläufe funktionieren. Zudem ist die Notfallstation ein Ausbildungsort – Wissen weiterzugeben gehört zum Alltag.
Wege aus dem Notfall
Zum Glück befinden sich die meisten Patientinnen und Patienten nicht in einer lebensbedrohlichen Situation. Viele können nach der Behandlung wieder nach Hause zurückkehren. Andere werden stationär aufgenommen, direkt operiert oder zur weiteren Betreuung in eine psychiatrische Klinik überwiesen. So unterschiedlich die Wege in den Notfall führen, so unterschiedlich sind auch die Wege hinaus.
Trotz der Belastung möchten Leonie Scheidegger und Lena Krebs ihren Beruf nicht tauschen. «Mit der Zeit lernt man, mit diesen belastenden Situationen umzugehen. Wir haben uns diesen Bereich ausgesucht und wissen, mit welchen Szenarien wir konfrontiert werden können», sagt Leonie Scheidegger. Lena Krebs ergänzt: «Und falls uns eine Situation beschäftigt, ist das Team füreinander da, tauscht sich aus und fängt einander auf.»
Vorbereitung Eintritt Notfallstation
Der Eintritt in die Notfallstation erfolgt meist unerwartet und ohne Zeit zur Vorbereitung. Beachten Sie wenn möglich trotzdem folgende Punkte, denn sie helfen uns, die nötigen Abklärungen und Ihre Behandlung möglichst rasch in die Wege zu leiten:
- Wenn Sie Medikamente einnehmen, nehmen Sie bitte immer eine Liste Ihrer Medikamente mit.
- Wenn Sie wegen einer offenen Verletzung auf die Notfallstation kommen, nehmen Sie bitte Ihren Impfausweis mit.
- Nehmen Sie bei Schmerzen schon zu Hause ein Schmerzmittel ein und berichten Sie uns, wie die Wirkung war.
- Wenn Sie Beschwerden mit Ihrer Blase haben, vermeiden Sie es wenn möglich, kurz vor Eintritt Urin zu lösen. So besteht die Möglichkeit, dass Sie im Spital rasch Urin für eine Untersuchung lösen können.
- Wenn Sie Beschwerden im Magen/Bauch haben, essen Sie zu Hause nichts mehr. So können Sie die Beschwerden positiv beeinflussen und wir können Sie rascher untersuchen und behandeln, weil Sie für gewisse Untersuchungen nüchtern sein müssen.