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15. Juli 2026
Wissen
Rettungsdienst

«Wir müssen innerhalb von Sekunden von null auf hundert sein»

Unfall, Notfall, Katastrophe: Der Rettungsdienst Emmental-Oberaargau rückt dann aus, wenn es schnell gehen muss. Alain Habegger, Abteilungsleiter des Rettungsdienstes Emmental-Oberaargau, Region Emme, erklärt, wie der Einsatz mit der Ambulanz abläuft und was ihn an seiner Aufgabe fasziniert.

Text: Luk von Bergen • Geprüft von: Alain Habegger, Abteilungsleiter des Rettungsdienstes Emmental-Oberaargau, Region Emme 

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Herr Habegger, wir kennen es vom Film: Rettungssanitäterinnen und -sanitäter sitzen herum und warten. Wenn der Notruf erfolgt, bricht Hektik aus. Stimmt dieses Bild?

Alain Habegger: Genau das ist die Herausforderung unseres Berufs. Wir haben Phasen der Ruhe, aber plötzlich kann es sehr schnell gehen. Manchmal ist man zum Beispiel gerade beim Mittagessen, wenn der Alarm kommt. Das ist am Anfang nicht einfach, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Bei den Dringlichkeitsstufen eins und zwei ist sofortiges Ausrücken angesagt. Hektik bricht deswegen aber nicht aus. Wir versuchen, ruhig, aber zügig zum Fahrzeug zu gelangen, auch wenn es pressiert.

Wo genau ist der Rettungsdienst stationiert?

Wir haben drei Stützpunkte in Burgdorf, Langnau und Grosshöchstetten, wo wir täglich und rund um die Uhr stationiert sind. Zusätzlich gibt es Tagesstützpunkte in Kirchberg und Hasle-Rüegsau, die tagsüber besetzt sind. Insgesamt sind jeden Tag fünf Teams im Einsatz. Hinzu kommt ein Notarztteam. Nachts sind es drei Teams an den Hauptstützpunkten.

Wie sind die Ambulanzen ausgestattet?

Die Ausstattung hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Wir können grundsätzlich alle Patientinnen und Patienten betreuen – vom Neugeborenen bis zum älteren Menschen. Die Fahrzeuge sind sehr gut ausgestattet, vergleichbar mit einer Intensivstation. Das ermöglicht auch Intensivtransporte.

Was muss eine Rettungssanitäterin resp. ein Rettungssanitäter können?

Das Spektrum ist sehr breit. Es umfasst medizinisches Wissen, etwa Medikamentenkenntnisse, und soziale Kompetenzen, die für psychosoziale Einsatzarten sehr wichtig sind. Heisst: Wir müssen stets gefasst und überlegt handeln. Die eigene Ruhe überträgt sich in der Regel auf die Patientinnen und Patienten und gibt ihnen Sicherheit. In der Schweiz haben Rettungssanitäterinnen und -sanitäter sehr hohe Kompetenzen. Wir tragen die Verantwortung des Einsatzes. Wir bestimmen also, was mit der Patientin oder dem Patienten geschieht und in welches Spital die Person kommt.

Wie läuft ein Einsatz ab, beginnend mit einem Anruf bei der Notrufnummer 144?

Der Disponent oder die Disponentin beim Notruf 144 in Bern nimmt den Anruf entgegen und fragt wichtige Informationen ab, insbesondere die Einsatzadresse. Wir erhalten dann eine Einsatzmeldung mit den Infos zum Patientenzustand, zum Alter und zur Dringlichkeit. Im Fahrzeug haben wir einen Bildschirm mit weiteren Details. Wir arbeiten in Zweierteams – eine Person fährt die Ambulanz, die andere kümmert sich um die Patientenbetreuung.

Was, wenn es auf dem Weg zum Einsatzort viele Baustellen hat oder gar gesperrte Strassen?

Über gewisse Ortskenntnisse zu verfügen, ist sehr wichtig. Navigationssysteme sind nicht immer zuverlässig, besonders bei unseren schweren Fahrzeugen. Wir entscheiden im Team, welche Route die beste ist. Mit Blaulicht und Sirene dürfen wir grundsätzlich überall durchfahren, aber wir müssen die Gegebenheiten wie Brückensperrungen oder Gewichtsbeschränkungen beachten. Es bringt nichts, eine Abkürzung über ein Feld zu fahren, wo wir stecken bleiben könnten.

Und wie sieht es mit Verkehrsregeln aus?

Wir dürfen die Geschwindigkeit selber wählen, müssen uns aber stets verantworten. Die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmenden darf niemals gefährdet sein. Es ist wichtig, dass die Fahrt verhältnismässig ist. Bei dringenden Fahrten werden Bussen für Geschwindigkeitsübertretungen grundsätzlich annulliert. Unsere Fahrzeuge sind schwer und hoch. Entsprechend sind intensive Fahrschulungen und Trainings nötig. Das Wichtigste ist, sicher anzukommen.

Was sind die ersten Schritte am Einsatzort, beispielsweise bei einem Unfall?

Oberste Priorität hat immer die Sicherung des Unfallortes, um weitere Gefahren zu vermeiden. Auch wenn die Polizei dafür zuständig ist, sind wir oft zuerst vor Ort. Mit standardisierten Schemas beurteilen wir die Patientin oder den Patienten. Das Ziel ist, lebensbedrohliche Zustände schnell zu erkennen und zu behandeln. Zum Beispiel stabilisieren wir die Halswirbelsäule bei Personen in einem Verkehrsunfall.

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«Situationen, in denen man weiss, dass sich das Leben einer Person grundlegend verändern wird, sind prägend.»

Alain Habegger
Abteilungsleiter Rettungsdienst Emmental-Oberaargau

Welche weiteren Einsatzbeispiele gibt es?

Die meisten Einsätze sind medizinischer Natur, oft bei älteren Menschen, die nicht lebensbedrohlich erkrankt sind. Etwa 80 Prozent unserer Einsätze sind nicht dringend. Da geht es zum Beispiel um ältere Personen, die gestürzt sind oder seit Tagen Fieber haben.

Nachdem die Patientin oder der Patient stabilisiert ist, erfolgt der Transport ins Spital …

Bevor wir losfahren, ist die Wahl des richtigen Spitals entscheidend. Je nach Schwere der Verletzung oder Erkrankung fahren wir in ein grösseres oder kleineres Spital. Während der Fahrt überwachen wir die Patientin oder den Patienten engmaschig und verabreichen gegebenenfalls Medikamente. Im Spital übergeben wir die Person mit einem Rapport an die Ärztin oder den Arzt und die Pflege. Danach beginnen die administrativen Aufgaben wie das Ausfüllen elektronischer Patientenprotokolle oder die Dokumentation von Vitalwerten.

Wie lange dauert ein durchschnittlicher Einsatz?

Eine genaue Durchschnittszeit kann ich nicht nennen. Die Einsatzzeiten dauern mit Nachbereitung meistens etwa eine Stunde, aber das ist sehr unterschiedlich. Auch die Anzahl der Einsätze variiert stark. Manchmal haben wir sechs Einsätze pro Tag, was eher viel ist. Manchmal nur einen bis zwei oder auch mal gar keinen. 

Gibt es Einsätze, die Sie auch im Nachhinein noch beschäftigen? 

Situationen, in denen man weiss, dass sich das Leben einer Person grundlegend verändern wird, sind prägend. Grundsätzlich geben wir immer unser Bestes. Es gibt aber auch Situationen, in denen wir keine Massnahmen mehr ergreifen, zum Beispiel wenn eine Patientin oder ein Patient eine Patientenverfügung hat, die Reanimationsmassnahmen ausschliesst.

Was geht Ihnen als Rettungssanitäter bei Katastrophen wie dem Brand in einer Bar in Crans-Montana Anfang Jahr mit Dutzenden Toten und Verletzten durch den Kopf?

Ich persönlich war nicht direkt vor Ort, aber unsere Teams wurden für Verlegungen eingesetzt. Die Kolleginnen und Kollegen, die dort waren, waren sehr beeindruckt. Ereignisse mit einem solchen Ausmass sind selten und prägen die Menschen, die so was erleben, stark.

Wie gehen Sie mit belastenden Erlebnissen um?

Wir haben psychosoziale Dienste und machen Debriefings im Team. Das hilft in den meisten Fällen bei der Verarbeitung. Wenn das nicht ausreicht, suchen wir professionelle Hilfe. Ihre Arbeit ist mit Stress und Druck verbunden.

Wie meistern Sie diese Herausforderungen?

Es gehört zu unserem Job. Wir erledigen unsere Arbeit gern und suchen wohl auch eine gewisse Herausforderung: Man muss innerhalb von Sekunden von null auf hundert sein. Jeder Tag ist anders, man muss fit sein und voll einsatzbereit. Aber klar, ein gewisser Stress ist immer da.

Es gibt in Ihrem Berufsalltag bestimmt auch schöne Momente, Stichwort Dankbarkeit …

Ein aufrichtiges Danke nach einem Einsatz ist unglaublich motivierend. Ich hatte einmal den Fall, dass sich eine Person, die wir reanimiert hatten, im Nachhinein bei mir gemeldet hat. Wir sind dann zusammen einen Kaffee trinken gegangen. Es ist schön zu sehen, wenn jemand, den man in einem kritischen Zustand betreut hat, wieder voller Energie und gesund ist.

Wie sieht Ihr perfekter Arbeitstag als Rettungssanitäter aus?

Grundsätzlich ist es erfüllend, wenn man Menschen helfen kann. Das müssen nicht immer lebensbedrohliche Situationen sein. Es können auch kleine Dinge sein, wie einer Person, die gestürzt ist, aufzuhelfen und sie zur Kontrolle ins Spital zu bringen.


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