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10. Juli 2026
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Notfall

«Die Emmentaler sind sehr hart im Nehmen»

Vom harmlosen «Bobo» bis zur lebensbedrohlichen Verletzung: Etwa 55 Personen suchen im Durchschnitt täglich die Notfallstationen des Spitals Emmental in Burgdorf und Langnau auf. Christiane Arnold, Leitende Ärztin des Notfalls, und Oberärztin Simone Blunier über volle Wartezimmer, Herausforderungen und Freuden auf dem Notfall.

Text: Luk von Bergen • Geprüft von: Dr. med. Christiane Arnold, Leitende Ärztin Notfall und Dr. med. Simone Blunier, Oberärztin Notfall 

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Frau Arnold, Sie kommen gerade von einer Nachtschicht auf dem Notfall. Wie fühlt man sich nach so einer Schicht?

Christiane Arnold: Müde (lacht). Es gibt strengere und weniger strenge Nächte. Als Kaderärztin ist man nicht an vorderster Front, sondern im Hintergrund. Wir werden gerufen, wenn es Probleme gibt oder unsere Expertise gefragt ist. Bei einer Nachtschicht arbeitet man tagsüber ab circa halb acht in der Früh und ist dann bis zum nächsten Morgen zuständig. Aber wir können uns zwischendurch auch mal hinlegen.

Wer gehört alles zum Team des Notfalls?

Simone Blunier: Einerseits unsere Oberund Assistenzärztinnen und -ärzte und andererseits die Pflege, die einen grossen Teil ausmacht. Aber auch nicht zu vergessen sind die mitbeteiligten Abteilungen wie der Reinigungsdienst, das Röntgen, das Labor. Im vergangenen Jahr suchten über 20 000 Personen den Notfall in Burgdorf und Langnau auf.

Waren das allesamt dringliche Fälle?

Arnold: Das ist eine brennende Frage. Man kann es relativ einfach halten und sagen: Wenn eine Person das Gefühl hat, sie brauche dringend ärztliche Hilfe, dann ist das ein Notfall. Aus unserer Sicht ist das längst nicht immer so. Aber ich finde es oft schwierig, da eine klare Unterscheidung zu machen, und das ist ja auch ein politisches Thema.

Wann sollte man denn nun auf den Notfall kommen?

Blunier: In lebensbedrohlichen Situationen, bei Fällen, die Herz oder Lunge betreffen, bei allergischen Reaktionen – da sollte man sofort auf den Notfall kommen. Bei allem, was nicht augenblicklich angeschaut werden muss, kann man auch die Hausärztin oder den Hausarzt anrufen. Die Emmentaler Bevölkerung ist per se sehr hart im Nehmen. Gerade Patientinnen und Patienten aus ländlichen Gebieten kommen oft erst, wenn es wirklich nicht mehr geht.

Die Notfallzahlen steigen seit Jahren auch im Emmental – warum?

Arnold: Da gibt es verschiedene Gründe. Die Schliessung von Spitälern wie Münsingen hat beispielsweise dazu geführt, dass mehr Patientinnen und Patienten zu uns kommen. Zudem sind die Hausärztinnen und Hausärzte sehr stark ausgelastet und verfügen nicht immer über die nötige Ausstattung.

Blunier: Ich finde, es sagt auch etwas über unsere Gesellschaft aus. Man darf nicht mehr krank sein und muss schnellstmöglich wieder fit sein, statt sich auszukurieren. Das Vertrauen in den eigenen Körper geht verloren, wenn man sich bei jeder Gelegenheit in Behandlung begibt.

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«Wir leisten eine Art Detektivarbeit und versuchen, uns mit den Informationen, die wir haben, ein Bild zu machen. Jeder Patient, jede Patientin ist anders, jede Situation ist anders.»

Dr. med. Christiane Arnold
Leitende Ärztin der Notfallstation

Wie ist der Ablauf bei Ihnen auf dem Notfall?

Blunier: Zuerst erfolgt die administrative Aufnahme. Danach kommt die Person zur Triage-Pflege, die eine erste Beurteilung vornimmt, um die Dringlichkeit festzustellen und gegebenenfalls Schmerzmittel zu verabreichen. Anschliessend wird die Patientin oder der Patient in eine Koje begleitet, wo die ersten Vitalwerte überprüft werden. Ein Assistenzarzt oder eine -ärztin führt dann die ersten Befragungen und Untersuchungen durch und bespricht diese mit uns Oberärztinnen und -ärzten.

Spätestens dann beginnt die lange Warterei für die verletzte oder kranke Person …

Blunier: Die langen Wartezeiten sind ein grosses Thema. Sie entstehen, wenn wir viel zu tun haben. Es kumuliert sich alles: Wenn auf dem Notfall viel läuft, läuft auch im Röntgen und im Labor viel. Wir müssen auf Röntgenbilder warten, Feedback von der Radiologie einholen, uns mit Spezialistinnen und Spezialisten besprechen. Das alles braucht Zeit. Und wenn jemand stationär bleiben muss, braucht es ein Bett, das oft erst im ganzen Kanton oder sogar ausserhalb gesucht werden muss. Das verlängert die Aufenthaltszeiten.

Rund ein Drittel aller Notfall-Aufsuchenden bleibt zur Beobachtung oder zur Behandlung über Nacht im Spital. Was passiert mit den anderen zwei Dritteln?

Arnold: Die anderen können ambulant therapiert oder weiterbehandelt werden. Meistens ist eine Nachkontrolle nötig – sei es bei der Hausärztin, beim Hausarzt oder bei uns. Wegen des zunehmenden Aufkommens von Patientinnen und Patienten, die Nachkontrolltermine brauchen, bieten wir eine ambulante Sprechstunde an, die «Wave-Sprechstunde». Dort können Patientinnen und Patienten schon am nächsten oder übernächsten Tag noch einmal kontrolliert werden und eine Oberärztin oder ein Oberarzt kann den Fall abschliessen. Sie haben bereits den Begriff Triage erwähnt.

Wie wird entschieden, welche Fälle dringlich sind und welche nicht?

Blunier: Es gibt fünf Stufen: Stufe 5 ist für Nachkontrollen, Stufe 4 für Fälle, die auch der Hausarzt oder die Hausärztin behandeln könnte. Stufe 3 beinhaltet Patientinnen und Patienten mit Problemen, die aber noch nicht dringend sind. Stufe 2 ist schon ein grösseres Leid, und Stufe 1 sind lebensbedrohliche Verletzungen oder Erkrankungen.

Wie hektisch geht es zu und her, wenn eine Person in einer lebensbedrohlichen Situation bei Ihnen angeliefert wird – zum Beispiel nach einem schlimmen Verkehrsunfall?

Arnold: Wenn eine solche Person in den Schockraum kommt, sind alle gefordert. Wichtig ist, dass diese Notfälle koordiniert ablaufen und kein Chaos entsteht, wie wir es vielleicht aus Filmen oder TV-Serien kennen. Für solche Fälle sind wir ausgebildet und machen regelmässige Trainings, um in entsprechenden Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Das klingt nach viel Verantwortung und Stress …

Blunier: Das stimmt. Gleichzeitig ist es genau das, was wir gesucht haben. Ich bin eigentlich Anästhesistin und hatte auch dort keine langen und stabilen Patientenkontakte. Im Notfall weiss ich morgens nicht, was mich erwartet – das gefällt mir.

Arnold: Wir leisten eine Art Detektivarbeit und versuchen, uns mit den Informationen, die wir haben, ein Bild zu machen. Jeder Patient, jede Patientin ist anders, jede Situation ist anders. Es ist wie ein Puzzle, das man schnell zusammensetzen muss.

Genau genommen setzen Sie jeweils mehrere Puzzles gleichzeitig zusammen. Wie schaffen Sie es, dabei konzentriert zu bleiben?

Blunier: Die Triage hilft uns sehr. Wenn ich auf die Liste schaue und viele hochpriorisierte Patientinnen und Patienten sehe, liegt mein Fokus dort. Aber es stimmt, man muss flexibel und konzentriert sein. Wir sind ein gutes Team und kontrollieren und korrigieren uns gegenseitig, wenn wir uns verzetteln.

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«Wenn eine Patientin nach einer erfolgreichen Behandlung dankbar ist und ‹Merci vielmals› sagt, ist das mein Lohn für alles.»

Simone Blunier
Oberärztin

Dringende Fälle zuerst: Wie gehen Sie mit allfälliger Ungeduld der anderen Patientinnen und Patienten um?

Blunier: Das Wichtigste ist eine klare und offene Kommunikation. Wenn die Patientin oder der Patient weiss, dass sie oder er gesehen wird, aber es noch dauern kann, hilft das schon viel. Wir haben zudem Aufklärungsfilme im Wartezimmer, welche die Triage-Kategorien erklären. Man darf auch mehrmals nachfragen, wie lange es noch dauert, solange der Ton stimmt. Unhöfliche Anmachen sind nicht zielführend. Wir geben alle unser Bestes.

Wie geht man mit der Situation um, wenn jemand auf dem Notfall stirbt?

Arnold: Das kommt zum Glück nicht so häufig vor. In solchen Fällen ist das Team sehr wichtig. Wir sind nicht allein und arbeiten alle eng zusammen. Besonders schwierig ist die Situation für die Angehörigen.

Blunier: Darüber zu reden, ist wichtig. Man lernt mit der Zeit, damit umzugehen. Ich habe eine Art Schubladen im Kopf, in die ich diese Todesfälle stecke. Am Anfang gehen sie oft auf, mit der Zeit immer weniger – das ist meine Methode.

Was genau fasziniert Sie an Ihrer Arbeit am meisten?

Arnold: Einerseits gibt es medizinisch spannende Fälle, seltene Diagnosen, die uns im Gedächtnis bleiben und die wir im Team besprechen, um daraus zu lernen. Andererseits sind es die Kontakte mit den Patientinnen und Patienten. Man erfährt in kurzer Zeit sehr viel über eine Person. Es ist ein Privileg, täglich neue Menschen kennenzulernen.

Blunier: Es ist befriedigend, wenn ein Schockraumpatient gut versorgt werden konnte und man merkt, dass das Team gut funktioniert hat. Das andere sind einzelne Patientenkontakte, die Gänsehaut verursachen. Wenn eine Patientin nach einer erfolgreichen Behandlung dankbar ist und «Merci vielmals» sagt, ist das mein Lohn für alles. 


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