«Man gewöhnt sich nie ganz daran»
Der diesjährige Emergency Medicine Day stellt die Sicherheit von Mitarbeitenden in der Notfallmedizin ins Zentrum – ein Thema, das auch die Notfallpflege täglich beschäftigt. Leonie Scheidegger und Lena Krebs, Co-Leiterinnen Notfallpflege, sprechen über zunehmende Aggressionen, herausfordernde Situationen – und warum der Zusammenhalt im Team entscheidend ist.
Text: Teresa Schmidt • Geprüft von: Lena Krebs und Leonie Scheidegger, Co-Leiterinnen Notfallpflege
Aggressionen auf dem Notfall sind kein neues Phänomen. Doch die Intensität und Häufigkeit haben zugenommen. «Wir sind sehr viel mit verbaler Gewalt konfrontiert – aber auch mit körperlich bedrohlichem Verhalten», sagt Leonie Scheidegger, Co-Leiterin Notfallpflege. Es gibt immer wieder Situationen, die gefährlich werden können – nicht nur in Burgdorf oder Langnau, sondern auf Notfallstationen allgemein. Gründe dafür gibt es mehrere. Unter anderem treffen immer mehr psychiatrische Fälle auf dem Notfall ein. Viele Betroffene finden keine andere Anlaufstelle und kommen deshalb ins Spital. Hinzu kommt: Der Notfall ist rund um die Uhr geöffnet – auch nachts oder an Randzeiten.
Wenn Hilfe plötzlich gefährlich wird
Besonders anspruchsvoll sind intoxikierte Patientinnen und Patienten, also Menschen, die Alkohol oder andere Substanzen konsumiert haben. «Diese Stoffe machen Menschen unberechenbarer und hemmungsloser. Durch Alkohol sinkt beispielsweise die Hemmschwelle massiv und Pflegesituationen können sehr schnell in eine schlecht abschätzbare Richtung kippen», erklärt Leonie Scheidegger.
«Wir erleben auch Situationen, in denen intoxikierte Patientinnen und Patienten sich körperlich falsch einschätzen, stolpern oder stürzen und Pflegepersonal, das helfen möchte, mit umreissen oder aggressiv auf angebotene Hilfe reagieren», führt Lena Krebs, Co-Leiterin Notfallpflege, aus. Auch spontane Reaktionen seien gefährlich: Menschen, die die Notfallstation verlassen wollen, stossen plötzlich Stühle weg oder schlagen um sich.
Wartezeiten als Auslöser
Nicht immer sind persönliche Notfallsituationen der Auslöser eines Konflikts. Auch lange Wartezeiten sorgen auf dem Notfall zunehmend für aggressives Verhalten. Die Zahl der Patientinnen und Patienten nimmt zu, gleichzeitig haben immer mehr Menschen keine Hausärztin oder keinen Hausarzt mehr. Für viele wird der Notfall deshalb zur ersten Anlaufstelle. Oft fehlt dabei das Verständnis dafür, dass nach medizinischer Dringlichkeit behandelt wird.
«Unser Ziel ist nie, dass jemand lange warten muss. Aber aufgrund der Strukturen und personellen Ressourcen lässt sich das nicht immer verhindern.»
Leonie Scheidegger
Co-Leiterin Notfallpflege
Hier spielt das Triage-System eine zentrale Rolle. Es sorgt dafür, dass medizinisch dringende Fälle priorisiert werden – auch wenn das für wartende Personen nicht immer nachvollziehbar erscheint.
«Wir können nicht einfach schliessen»
Während andere Bereiche des Spitals Dienstschluss haben – beispielsweise nach dem Ende einer Sprechstunde –, bleibt der Notfall rund um die Uhr geöffnet. Lena Krebs beschreibt die Herausforderung so: «Wir können nicht sagen: Heute sind wir voll, kommen Sie morgen wieder.» Gerade das mache die Arbeit emotional belastend. «Die Pflege ist konstant präsent – sichtbar, erreichbar und direkt ansprechbar. Der Notfall ist eine offene Station, wodurch wir als Team vielen Situationen unmittelbar ausgesetzt sind.»
Belastungen, die bleiben
Nicht nur körperliche Gewalt beschäftigt das Pflegeteam. Oft sind es die verbalen Angriffe, die nachwirken. Hinzu kommt die Unsicherheit, wenn Patientinnen und Patienten die aggressiv sind, bluten oder spucken. Da das Personal nie die gesamte Krankengeschichte kennt, ist besondere Vorsicht gefragt.
«Solche belastenden Situationen nehmen wir gedanklich teilweise mit nach Hause – sie beschäftigen uns länger.»
Lena Krebs
Co-Leiterin Notfallpflege
Mit der Zeit entwickelt jedes Teammitglied Strategien für den Umgang mit schwierigen Situationen, lernt Menschen und Situationen besser einzuschätzen und Grenzen zu setzen. Besonders bei Patientinnen und Patienten, die wiederholt auf den Notfall kommen, hilft Erfahrung dabei, Situationen frühzeitig zu erkennen. Leonie Scheidegger ergänzt: «Wer auf dem Notfall arbeitet, braucht eine gewisse Robustheit. Wir müssen nicht nur den medizinischen Umgang mit schwierigen Situationen verinnerlichen, sondern auch den menschlichen.»
Schutzmassnahmen – und ihre Grenzen
Aggressionen werden im Spital Emmental systematisch dokumentiert. Gefährdungsmeldungen helfen dabei, schwierige Situationen sichtbar zu machen. Zudem unterstützt und begleitet das Human Resources Team betroffene Mitarbeitende. Ausserdem wurden Notfallknöpfe installiert, mit denen Pflegende zusätzliche Hilfe anfordern können, wenn Situationen eskalieren. Dennoch brauche es weitere Schutzmechanismen für das Personal. Oft bleibe als letzter wirkungsvoller Hebel nur das Alarmieren der Polizei.
Zusammenhalt als wichtigste Stütze
Was im Alltag am meisten hilft, ist das Team: die gegenseitige Unterstützung in akuten Situationen und der anschliessende Austausch miteinander. Genau dieser Zusammenhalt macht einen entscheidenden Unterschied in einem Arbeitsumfeld, das täglich Höchstleistungen verlangt. Und dennoch gebe es auch viele schöne Begegnungen. Dankbarkeit, Vertrauen oder kleine Gesten würden helfen, belastende Erlebnisse zu verarbeiten.
Respekt als Grundlage
Leonie Scheidegger und Lena Krebs wünschen sich mehr Verständnis für die Arbeit der Notfallpflege. «Wir haben den Eindruck, dass viele Menschen im Alltag nicht auf die gleiche negative Art auf andere dienstleistende Berufsgruppen reagieren, wie sie es gegenüber dem Pflegeteam auf dem Notfall tun.» Auf einer Notfallstation arbeiten neben der Ärzteschaft hochqualifizierte Pflegefachpersonen, die eine spezialisierte Ausbildung absolviert haben und täglich komplexe Entscheidungen in Ausnahmesituationen treffen und Verantwortung übernehmen.
Der Emergency Medicine Day erinnert deshalb nicht nur an medizinische Leistungen – sondern auch daran, wie wichtig Respekt und Sicherheit für jene sind, die rund um die Uhr für andere da sind.