Sich wieder schmerzfrei bewegen – das künstliche Schultergelenk
Mit zunehmendem Alter, aber auch durch ein aktives Leben, steigt das Risiko für schmerzhafte Verschleisserscheinungen im Schultergelenk. Wenn Schmerzen und Einschränkungen konservativ nicht mehr zu bewältigen sind, kann eine Schulterprothese die Lebensqualität entscheidend verbessern.
Text: Kerstin Wälti • Geprüft von: Dr. med. Mathias Hoffmann und Dr. med. Dominik Suter, Leitende Ärzte Orthopädie Sonnenhof Spital Emmental
Das Schultergelenk ist das beweglichste Gelenk des Menschen und praktisch den ganzen Tag im Einsatz. Doch diese hohe Beweglichkeit hat auch ihren Preis: Schulterprobleme gehören heute zu den typischen Leiden einer Gesellschaft, die immer älter und gleichzeitig immer aktiver wird.
Während jüngere Menschen vor allem nach Unfällen in die Praxis kommen, sind es bei älteren häufig Abnutzungserscheinungen, welche die Schulter zunehmend schmerzhaft und unbeweglich machen. Die Gründe für diesen Gelenkverschleiss, die sogenannte Arthrose, sind vielfältig: «Alter, eine genetische Veranlagung, chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Rheuma, übermässige Belastung, Über-Kopf-Arbeiten – beispielsweise Maler- oder Bauarbeiten –, Frakturen oder Sehnenverletzungen können zur Zerstörung des Schultergelenks führen», sagt Mathias Hoffmann, Leitender Arzt der Orthopädie des Spitals Emmental und Leiter der Schulterchirurgie.
Wenn eine Prothese der richtige Weg ist
Eine Arthrose entwickelt sich meist schleichend. Mit der Zeit treten zunehmend Beschwerden auf: «Das häufigste Symptom ist Schmerz. Oft kommen auch Bewegungseinschränkungen hinzu, was die Lebensqualität und Selbstständigkeit der Betroffenen massiv einschränken kann», erklärt der Orthopäde Dominik Suter, der im vergangenen Jahr als Leitender Arzt zum Team von Mathias Hoffmann gestossen ist. Wenn der Arm kaum mehr gehoben werden kann, jede Alltagsbewegung schmerzt und konservative Therapien ausgeschöpft sind, kann eine Schulterprothese neue Perspektiven eröffnen. «Eine Schulterprothese kann im Allgemeinen eine sehr gute Schmerzlinderung und eine Verbesserung der Schultergelenksfunktion für das tägliche Leben erreichen», sagt Mathias Hoffmann. Ob eine Prothese notwendig wird, entscheidet sich nicht nach einem festen Schema, sondern nach dem individuellen Leidensdruck.
«Der richtige Zeitpunkt ist erreicht, wenn Schmerzen und Einschränkungen so deutlich sind, dass konservative Therapien nicht mehr helfen.»
Dr. med. Dominik Suter
Leitender Arzt Orthopädie Sonnenhof Spital Emmental
Zuvor wird stets versucht, das natürliche Gelenk zu erhalten – besonders bei jüngeren Menschen. Mehrere Phasen Physiotherapie, Infiltrationen oder kleinere gelenkerhaltende Eingriffe sind üblich, bevor ein Gelenkersatz in Erwägung gezogen wird. «Schlussendlich entscheidet die Patientin oder der Patient gemeinsam mit dem Arzt, ob es Zeit für eine Schulterprothese ist. Dieser Entscheid ist abhängig vom Ausmass der Schmerzen und der Funktionseinschränkung», betont Dominik Suter.
Zwei Konzepte, ein Ziel: schmerzfreie Schulter
Bei der Wahl einer Schulterprothese wird nicht nur das Ausmass der Gelenkschädigung berücksichtigt, sondern insbesondere auch der Zustand der Sehnen der Rotatorenmanschette. Grundsätzlich stehen zwei Prothesentypen zur Verfügung: Die anatomische Schulterprothese ahmt die natürliche Gelenkform nach und eignet sich vor allem für jüngere Patientinnen und Patienten mit erhaltener Rotatorenmanschette, also dem zentralen Muskel- und Sehnenapparat der Schulter. Die inverse (umgekehrte) Schulterprothese dagegen vertauscht gewissermassen die Positionen von Gelenkkopf und Pfanne. Durch diese Konstruktion ändern sich die Hebelverhältnisse der Muskulatur, sodass ein Teil des Kraft- und Funktionsverlusts kompensiert werden kann, der durch eine geschädigte oder ausgefallene Rotatorenmanschette entsteht.
«Die Entwicklung der inversen Prothese hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht.»
Dr. med. Mathias Hoffmann
Leitender Arzt Orthopädie Sonnenhof Spital Emmental
«Heutzutage ist diese Prothese aus dem schulterchirurgischen Behandlungskonzept nicht mehr wegzudenken, da sie für viele Probleme hervorragende technische Lösungen bietet – insbesondere bei komplexen Verschleiss- oder Verletzungssituationen», fährt Mathias Hoffmann fort. Davon profitieren vor allem ältere Patientinnen und Patienten, für die es früher keine zufriedenstellenden Lösungen gab. Die klinischen Ergebnisse sind sehr gut, und die Lebensdauer der Prothesen ist heute beeindruckend. Eine Schulterprothese hält im Durchschnitt 10 bis 16 Jahre. «In 80 bis 90 Prozent der Fälle wird dank dem Gelenkersatz eine deutliche Schmerzreduktion erreicht, und im Alltag sind die meisten Menschen später kaum eingeschränkt», ergänzt Dominik Suter.
Von der Operation bis zur Genesung
Moderne virtuelle Technologien und personalisierte Instrumente mit computerassistierter 3D-Planung ermöglichen es heute, das passende Implantat auszuwählen und die Prothese optimal zu positionieren. Mit diesen Planungstools lassen sich bereits vor dem Eingriff zu erwartende Bewegungsumfänge abschätzen und die Prothese während der Operation präzise platzieren. Dadurch kann das Risiko eines frühzeitigen Verschleisses infolge Fehlpositionierung deutlich reduziert werden.
Der Eingriff dauert in der Regel etwa 90 Minuten und wird in Vollnarkose durchgeführt. Im Anschluss bleiben die Patientinnen und Patienten meist drei bis vier Nächte im Spital. Die Nachbehandlung folgt einem standardisierten Schema und erfordert aktive Mitarbeit: Die Schulter wird zunächst rund zwei Wochen ruhiggestellt, darf jedoch früh funktionell bewegt werden. Nach etwa drei Monaten ist in vielen Fällen wieder eine normale Belastung möglich. Viele Betroffene sind dadurch deutlich schmerzärmer und im Alltag wieder aktiver.