Multiple Sklerose — Die Krankheit mit den tausend Gesichtern
Multiple Sklerose verändert das Leben, doch die Diagnose bedeutet heute nicht zwangsläufig Stillstand. Mit modernen Therapien und einem bewussten Lebensstil können Betroffene ihr Leben aktiv gestalten, sagt Neurologe Christoph Friedli.
Text: Teresa Schmidt • Geprüft von: Dr. med. Christoph Friedli, Leitender Arzt Neurologie
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems mit einer neurodegenerativen Komponente. Sie gilt als Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem die Schutzhülle der Nervenfasern angreift. Dadurch kommt es zu Entzündungen, die zu vielfältigen Symptomen führen können – von Sehstörungen über Taubheitsgefühle bis hin zu Lähmungen. Nicht umsonst nennt man MS «die Krankheit mit den tausend Gesichtern».
Betrifft meist junge Erwachsene
«Multiple Sklerose ist die häufigste Ursache für neurologische Behinderungen bei jungen Erwachsenen in Industrienationen», erklärt Christoph Friedli, Leitender Arzt der Neurologie am Spital Emmental. Typischerweise tritt die Krankheit im Alter von 25 bis 35 Jahren auf – Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer. Zeigen sich die Symptome erst zwischen 50 und 60 Jahren, verläuft die Krankheit oft schleichender und betrifft Männer und Frauen gleichermassen.
Bei jüngeren Menschen zeigt sich MS häufig in sogenannten Schüben – also Phasen, in denen neurologische Ausfälle innerhalb von Stunden oder Tagen auftreten und sich dann teilweise oder vollständig zurückbilden. «Bei älteren Betroffenen entwickelt sich die Krankheit oft unauffälliger – über Monate oder gar Jahre hinweg. Es kommt zu einer späteren Abklärung, und oft lässt sich nicht mehr genau bestimmen, wann die Krankheit begonnen hat», sagt Christoph Friedli.
«Diese Verlaufstypen werden heute teilweise kritisch betrachtet, da wir mittlerweile die Erkenntnis haben, dass die Aussage ‹Erst Schübe, dann Degeneration› nicht zutreffend ist. Vielmehr überlappen die beiden Komponenten Entzündung und Degeneration in variablem Ausmass von Beginn der Erkrankung an», erklärt Christoph Friedli.
Die Multiple Sklerose verläuft sehr individuell und wird in drei Hauptformen eingeteilt:
-
Schubförmig remittierende MS: Dies ist die häufigste Form. Dabei treten Schübe auf – also Phasen, in denen neue Symptome entstehen. Danach erholen sich die Betroffenen meist wieder teilweise oder vollständig.
-
Sekundär progrediente MS: Nach mehreren Jahren kann sich der Verlauf verändern. Die Schübe nehmen ab, dafür schreiten die Beschwerden langsam, aber stetig fort.
-
Primär progrediente MS: Die Symptome verschlechtern sich von Beginn an schleichend, meist über Jahre, ohne klare Schübe.
Diagnose: Fachwissen und Fingerspitzengefühl
Dank moderner Diagnosestandards, den sogenannten McDonald-Kriterien, lässt sich Multiple Sklerose heute viel früher erkennen und diagnostizieren. Typische Hinweise liefern bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRI), bei der charakteristische Entzündungsherde sichtbar werden.
«MS hat sehr typische Befunde, aber bevor eine finale Diagnose gestellt werden kann, müssen andere mögliche Ursachen ausgeschlossen werden. Die Diagnosegrenze darf daher nicht zu tief gesetzt werden, und es bedarf Fachpersonen, um Multiple Sklerose sicher zu bestätigen», so der Neurologe.
Die Reaktionen auf eine MS-Diagnose fallen sehr unterschiedlich aus. «Manche sagen: Ich habe immer gewusst, dass etwas nicht stimmt. Andere sind erleichtert, endlich eine Erklärung für ihre Symptome zu haben – und wieder andere reagieren mit grosser Trauer», sagt Christoph Friedli. «Multiple Sklerose ist nach dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht heilbar. Die Betroffenen benötigen Zeit, um sich damit auseinanderzusetzen, dass sie ihr Leben mit der Diagnose weiterleben müssen.»
Moderne Therapien verändern das Leben
Dank moderner Therapien können die meisten Patientinnen und Patienten heute über viele Jahre ein weitgehend normales Leben führen.
«Betroffene können eine Familie gründen, reisen, arbeiten und aktiv sein – und das viel länger, als es früher der Fall war.»
Christoph Friedli
Leitender Arzt Neurologie
Noch vor 30 Jahren standen nur wenige Medikamente zur Verfügung – Spritzen, die nur eine mässige Wirkung erzielten. Heute gibt es eine breite Palette hochwirksamer Therapien, deren Anwendung sich grundlegend verändert hat. Der Neurologe erklärt: «Früher wurde im sogenannten Eskalationsprinzip behandelt – es wurde ein Medikament verabreicht, und bei neuen Schüben oder Symptomen wurde die Therapie eskaliert. Heute gehen wir den umgekehrten Weg: Wir behandeln früh und gezielt, um die Krankheit rasch zu stabilisieren, und können je nach Situation die Medikation im Verlauf wieder zurückfahren.»
Diese moderne Strategie zeigt Wirkung: Schübe, also akute Entzündungsphasen, sind heute viel seltener. «Hatten Betroffene früher im Schnitt noch einen halben bis zwei Schübe pro Jahr, kann die Schubrate bei optimaler Behandlung auf etwa einen Schub alle zehn Jahre reduziert werden», sagt Christoph Friedli.
Lebensstil als wichtiger Bestandteil der Therapie
Die Behandlung von MS umfasst heute weit mehr als Medikamente. Der Mensch als Ganzes wird betrachtet, und sein Immun- und Nervensystem soll so beeinflusst werden, dass sowohl entzündliche als auch degenerative Prozesse möglichst reduziert werden. Neben medikamentösen Therapien stehen auch physikalische Massnahmen zur Verfügung, etwa Physio- oder Ergotherapie. Ebenso wichtig ist ein gesunder Lebensstil.
«Rauchen hat einen relevanten Einfluss auf die Schubrate: Nichtraucherinnen und Nichtraucher haben bis zu 30 Prozent weniger Schübe als jene, die das Rauchen nicht beenden», betont Christoph Friedli. Regelmässige Bewegung, ausgewogene Ernährung, Blutdruckkontrolle, Stressabbau und eine gute Work-Life-Balance sind ebenfalls wichtig. Zudem hilft es, auf die mentale Gesundheit zu achten.
«Diese Massnahmen führen nicht nur zu einer verbesserten allgemeinen Gehirngesundheit, sondern stärken auch das Selbstvertrauen und das Gefühl der Selbstwirksamkeit der Betroffenen. Die Einnahme eines Medikamentes erfolgt eher passiv – sich bewusst für einen gesunden Lebensstil zu entscheiden, gibt ein Stück Kontrolle zurück», erklärt der Neurologe. Lifestyle-Massnahmen haben zudem wissenschaftlich gut dokumentierte positive Einflüsse auf den Krankheitsverlauf.
Angebot am Spital Emmental
Am Spital Emmental werden Patientinnen und Patienten mit MS umfassend betreut. Neben modernsten Diagnosemethoden bietet das Team der Neurologie eine ganzheitliche Behandlung an – medizinisch, therapeutisch und beratend. «Früherkennung und individuelle Betreuung sind entscheidend. Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen ihr Leben möglichst ohne Einschränkungen gestalten können. Multiple Sklerose ist zwar nicht heilbar, aber die entzündliche Komponente der Krankheit ist gut behandelbar und der degenerative Teil kann verlangsamt werden», erklärt Christoph Friedli. Zudem gibt es aktuell ermutigende Studienergebnisse zu Medikamenten, die auch spezifischer auf die degenerative Komponente wirken können.
«Die Betroffenen sollen ihr Leben weiterleben, Kinder bekommen oder in die Ferien gehen. MS begleitet sie zwar ihr Leben lang, aber die Krankheit soll nicht bestimmen, wie sie ihr Leben leben.»