Schweizer Hebamme im Einsatz für Geburtshilfe in Madagaskar
Im Juni 2024 kündigte Sarina Ottersberg ihren Job, um für ein halbes Jahr in Madagaskar als Hebamme zu arbeiten. Daraus wurden sieben Monate – und eine Erfahrung, die sie geprägt hat.
Text: Teresa Schmidt
Von der Schweiz nach Madagaskar
Als Sarina Ottersberg ihren Job kündigte, wusste sie bereits, dass etwas Neues auf sie wartet: Die diplomierte Hebamme wollte nach ein paar Berufsjahren in der Schweiz einen Einblick in eine andere «Geburtswelt» erhalten. Nach intensiver Recherche stiess sie auf die deutsche Organisation «Mobile Hilfe Madagaskar e.V.», die seit knapp 20 Jahren auf dem Inselstaat aktiv ist. Der Verein wurde von einer deutschen Hebamme gegründet und hat sich von einem kleinen, mobilen Team zu einem funktionierenden Spital mit Geburtsstation, Neonatologie und Pädiatrie entwickelt. Sarina Ottersberg erinnert sich: «Der Entscheid für Madagaskar hat sich einfach ergeben: Ich wollte in ein Land im Süden, wo ich mit meinen Fähigkeiten wirklich etwas beitragen und mich mit den Sprachen, die ich spreche, verständigen konnte. Madagaskar und das Projekt passten perfekt.»
Eine andere Art von Geburtshilfe
Der Verein «Mobile Hilfe Madagaskar e.V» betreibt seit 2019 ausserhalb der Hauptstadt ein Spital, das Schwangerschaftskontrollen anbietet, Geburten leitet und die Nachsorge von Mutter und Kind übernimmt. Die staatlichen Spitäler sind oft unterversorgt und dennoch teuer – in vielen Fällen ist das Projekt die einzige Anlaufstelle für schwangere Frauen und frischgebackene Mütter mit ihren Kindern.
Sarina Ottersberg betreute Geburten, arbeitete eng mit den lokalen Hebammen zusammen und übernahm Büro- und Personal-Aufgaben wie z.B. die Dienstplanung. «Ich habe mich anfangs wieder wie eine Hebammenstudentin gefühlt. Die Schemata aus der Schweiz funktionieren dort einfach nicht. Ich musste mich komplett neu einfühlen. Ich habe den Eindruck, dass Frauen auf Madagaskar ‹anders› gebären – die Geburten sind im Normalfall sehr unkompliziert und vor allem schnell, unabhängig davon, ob die Frau ihr erstes oder ihr viertes Kind auf die Welt bringt. Dort wird weniger Wert daraufgelegt, dass das gesamte Umfeld ‹perfekt› ist, sondern darauf, dass das Kind auf die Welt kommt», erinnert sich die Hebamme.
Neben dem Angebot im Spital, das sich vor allem auf die umliegenden Dörfer fokussiert, ist der Verein «mobil» und fährt dreimal pro Woche in die Hauptstadt Madagaskars, wo er an fixen Plätzen obdachlose Frauen und Babys betreut, die für die Kontrollen nicht ins Spital kommen können. Ebenfalls werden mehrmals im Monat abgelegene Dörfer besucht, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Hilfe haben.
Herausforderung und Vertrauen
Die Mitarbeitenden des Spitals sind alles Einheimische – mit einer Ausnahme: Tanja, die Gründerin. Freiwillige wie Sarina Ottersberg stossen jeweils für ein paar Monate zum Team. Die Voraussetzung für den Einsatz als Hebamme ist ein abgeschlossenes Hebammen-Studium – es braucht aber vor allem Offenheit für eine völlig andere Kultur, viel Geduld und die Fähigkeit, sich auf einfachere Mittel und Umstände einzulassen.
«Da es kaum besser ausgerüstete Spitäler auf Madagaskar gibt, können Patientinnen und Patienten nicht einfach in ein anderes Spital verlegt werden, wenn sie auf intensivere Betreuung angewiesen sind. Das Wissen, dass es in der Schweiz oft bessere Behandlungsmethoden gibt für Fälle, bei denen wir auf Madagaskar nicht weiterhelfen konnten, löste ein Gefühl von Machtlosigkeit bei mir aus. Die Ungerechtigkeit des Lebens, gegeben durch das Land und die Möglichkeiten, in die man hineingeboren wird, wurden mir sehr stark bewusst», sagt Sarina Ottersberg.
«Für mich war die Zeit auf Madagaskar eine absolute Bereicherung: So viel, wie ich geben konnte, habe ich auch zurückbekommen.»
Sarina Ottersberg, Hebamme
Leben und arbeiten im Ausnahmezustand
Das Spital hat eine sehr gute Geburtsstatistik – rund 350 Geburten pro Jahr, bei denen es in knapp 20 Jahren keinen Todesfall einer Mutter während der Geburt gab. Sarina Ottersberg meint dazu: «Die Statistik für die gesamte Insel sieht leider viel schlechter aus.» Der Alltag ist geprägt von vielen Herausforderungen: lange Anfahrtswege, schlechte Strassen, fehlende medizinische Infrastruktur und häufig schlechte hygienische Verhältnisse. Vor ihrem Einsatz absolvierte Sarina einen Kurs am Tropeninstitut – ein bewusster Schritt zur Vorbereitung auf ein anderes Leben, ein anderes Klima und eine andere Kultur. Zur Vorbereitung gehörten auch verschiedene Impfungen und die Beantragung eines Arbeitsvisums – Organisatorisches, das zwar aufwändig, aber machbar war, vor allem durch die Hilfe der Organisation vor Ort.
Nachhaltigkeit und Spenden
Das Projekt wird durch Spenden und einzelne Stiftungen getragen. «Mobile Hilfe Madagaskar e.V.» kümmert sich vorrangig um Frauen, die nur wenige oder keine finanziellen Mittel haben. Einzig den Weg ins Spital müssen sie auf sich nehmen, um ihre Kinder in einer sicheren Umgebung auf die Welt zu bringen und Geburtskomplikationen zu vermeiden. Frauen aus umliegenden Dörfern leisten einen kleinen symbolischen Beitrag für die Geburt – damit der Wert der medizinischen Betreuung anerkannt wird.
Was bleibt – und wie es weitergeht
Als sich die Abreise von Sarina Ottersberg nach Madagaskar um ein halbes Jahr verzögerte, suchte sie nach einer befristeten Anstellung und begann anfangs 2024, temporär im Spital Emmental in Burgdorf zu arbeiten. Es gefiel ihr so gut, dass sie nach ihrem Einsatz auf Madagaskar in Burgdorf eine Fixanstellung antrat. Ganz losgelassen hat sie Madagaskar aber nicht – Sarina Ottersberg unterstützt im «Homeoffice» weiterhin das HR und betreut Freiwillige, vor, während und nach ihrem Einsatz.
Sie sieht das Leben in der Schweiz und die Einsätze in Madagaskar so: «Ein nächster Einsatz von mehreren Monaten ist für mich aktuell kein Thema, weil ich auch meinen Job in der Frauenklinik im Spital Emmental sehr gern mache. Aber wenn möglich, plane ich jedes Jahr ein paar Wochen ein, um nach Madagaskar zu reisen und weiterhin aktiv im Projekt vor Ort mitzuwirken. Für mich war die Zeit auf Madagaskar eine absolute Bereicherung: So viel, wie ich geben konnte, habe ich auch zurückbekommen.»