Gemeinsam gegen Brustkrebs – als «Verbündete»
Eine Brustkrebsdiagnose ist ein tiefer Einschnitt im Leben einer Frau. Sie bringt Fragen, Ängste und Unsicherheiten mit sich. Gleichzeitig haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Jahrzehnten enorm weiterentwickelt. Gynäkologe Thomas Eggimann, Ärztlicher Leiter des Brustzentrums Emmental-Oberaargau, erklärt, weshalb heute viel gezielter und individueller behandelt wird – und warum die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachpersonen entscheidend ist.
Text: Teresa Schmidt • Geprüft: Dr. med. Thomas Eggimann, Ärztlicher Leiter des Brustzentrums Emmental-Oberaargau und stv. Chefarzt der Frauenklinik Spital Emmental
Von radikalen Eingriffen zur schonenderen Therapie
Noch vor 100 Jahren war die Brustentfernung oft die einzige Behandlungsoption. Häufig wurden zusätzlich Muskeln und Lymphgewebe grossflächig entfernt. Der Eingriff war massiv – und der Krebs kam dennoch häufig zurück. Heute ist das Wissen über die Biologie von Brusttumoren deutlich grösser. Operationen sind gezielter und weniger belastend: Die Brust kann meist erhalten bleiben, und es werden nur noch wenige Lymphknoten entfernt. Dazu kommen neue Medikamente und Kombinationstherapien, die die Heilungschancen erheblich verbessern.
Jede Erkrankung ist einzigartig
«Brustkrebs ist nicht einfach Brustkrebs. Wir unterscheiden heute verschiedene Unterarten, die sich im Wachstum und Verhalten stark unterscheiden – und deshalb individuell behandelt werden», erklärt Thomas Eggimann. Für die richtige Therapie braucht es viele Antworten: Wie gross ist der Tumor? Hat er sich auf Lymphknoten oder andere Organe ausgebreitet? Wächst er schnell oder langsam? Ist er hormonabhängig? Erst wenn diese Faktoren klar sind, kann ein massgeschneiderter Behandlungsplan erstellt werden.
Zusammenarbeit im Tumor-Board
Am Spital Emmental werden Patientinnen nicht von einer einzigen Fachperson behandelt, sondern von einem ganzen Team. In einer interdisziplinären Sitzung, dem Tumor-Board, diskutieren Spezialistinnen und Spezialisten aus Gynäkologie, Radiologie, Strahlentherapie, Pathologie und Onkologie jeden einzelnen Fall. «Dabei geht es nicht nur um die medizinischen Fakten, sondern auch um die persönliche Situation der Patientin», betont Eggimann. Der Wunsch nach späterer Familiengründung oder das Alter spielen ebenso eine Rolle wie die biologische Beschaffenheit des Tumors.
«Wir nehmen uns bewusst viel Zeit, um die Patientinnen zu informieren. Sie sollen verstehen, warum wir eine bestimmte Therapie vorschlagen – nicht nur, wie sie abläuft. Wir beantworten Fragen, bauen Ängste ab und schaffen damit eine solide Basis. Wir verstehen uns dabei als ‹Verbündete› – zusammen gegen den Brustkrebs.»
Thomas Eggimann, Ärztlicher Leiter Brustzentrum Emmental-Oberaargau
Nebenwirkungen besser kontrollierbar
Viele fürchten die Nebenwirkungen einer Chemotherapie. Übelkeit, Haarausfall oder Erschöpfung gehören dazu – aber: Begleitmedikamente und neue Therapieformen helfen heute, diese besser in den Griff zu bekommen. Auch Antihormontherapien haben meist andere Nebenwirkungen als klassische Chemotherapien. Zudem hat sich das Bewusstsein verändert: Patientinnen sind heute besser informiert und können aktiver mitentscheiden.
Rekonstruktion und Ästhetik
Früher war eine Brustentfernung oft gleichbedeutend mit einem dauerhaften Verlust. Heute gibt es Möglichkeiten zum brusterhaltenden Operieren oder zur plastischen Rekonstruktion. Das Aussehen und das Körperbild haben an Bedeutung gewonnen – weshalb ästhetische Fragen zunehmend Teil der Behandlung sind.
Begleitung im Alltag
Eine Brustkrebstherapie dauert oft viele Monate. Sie betrifft nicht nur die Patientin selbst, sondern auch Familie, Partnerschaft und Beruf. Deshalb setzt das Spital Emmental auf ein starkes Betreuungsnetz: Pflegefachpersonen, Psychoonkologinnen, Sozialdienst und Seelsorge arbeiten eng zusammen. Auch Angehörige können Unterstützung erhalten – um Sorgen zu lindern und Sicherheit zu geben.
Genetische Beratung
Bei familiärer Vorbelastung oder besonders aggressiven Tumoren kann eine genetische Beratung sinnvoll sein. So lässt sich einschätzen, ob ein erhöhtes Risiko für Rückfälle oder andere Krebserkrankungen besteht. In den meisten Fällen tritt Brustkrebs jedoch «zufällig» auf.
Was Betroffene selbst tun können
Viele fragen, wie sie ihre Genesung zusätzlich unterstützen können. Studien zeigen: Körperliche Aktivität, ausgewogene Ernährung, Verzicht auf Nikotin und wenig Alkohol verbessern nicht nur die Verträglichkeit der Therapie, sondern können auch Rückfällen vorbeugen. «Bewegung während einer Chemotherapie hilft, Muskelabbau und Erschöpfung entgegenzuwirken – und sie stärkt das seelische Wohlbefinden», fasst Thomas Eggimann zusammen. Die Behandlung von Brustkrebs hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert: weniger radikal, dafür individueller, interdisziplinärer und menschlicher. Was bleibt, ist die Bedeutung einer engen Begleitung – medizinisch, psychisch und sozial. Mit diesem ganzheitlichen Ansatz sehen sich die Fachpersonen am Spital Emmental als Verbündete ihrer Patientinnen – gemeinsam gegen den Brustkrebs.