«Narkosen sind heute präzise steuerbar»
Patrick Wettstein sorgt mit seinem Team dafür, dass Patientinnen und Patienten bei einer Operation nicht viel mitbekommen und nach einer Vollnarkose sanft wieder aufwachen. Der Chefarzt Anästhesie über Nebenwirkungen, Vertrauen und Teamwork im OP.
Text: Luk von Bergen • Geprüft von: Dr. med. Patrick Wettstein, Chefarzt Anästhesie
Herr Wettstein, worum geht es bei der Anästhesie?
Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet Empfindungslosigkeit. Es geht in der Anästhesie also darum, eine unangenehme Empfindung wie Schmerz auszuschalten, und auch darum, eine Person in einen Schlafzustand zu versetzen, umgangssprachlich Narkose genannt.
Wo überall kommt die Anästhesie zum Zug?
Hauptsächlich im Operationssaal. Wir sind aber auch rund um die Uhr in der Notfallbetreuung präsent, auf der Intensivstation, in der Geburtshilfe oder bei der Schmerztherapie. Unser ärztliches Team in Burgdorf umfasst rund 14 Vollzeitstellen. Zum Team gehören aber auch das Personal der präoperativen Sprechstunde, die Anästhesiepflege und das Aufwachraumpersonal.
Wie sieht Ihr Alltag im OP aus?
Wenn ich für einen OP-Saal eingeplant bin, beginnt der Tag um 7 Uhr mit einem kurzen Rapport, in dem wir die Eingriffe besprechen. Danach bereiten wir die Patientin, den Patienten vor und leiten die Narkose ein, sodass ab 8 Uhr die erste Operation beginnen kann. Während des Tages betreue ich ein bis zwei Säle und bin zusammen mit dem Team für Notfälle bereit. Zudem führen wir Sprechstunden durch – vor Ort oder telefonisch. Am Ende des Tagesprogramms erfolgen dann etwaige Nachbesprechungen und die abschliessende Planung des Folgetages.
Wer entscheidet, welche Art der Narkose zum Einsatz kommt?
Das hängt vom Eingriff ab. Bei gewissen Operationen wie einer Gallenblasenentfernung ist eine Vollnarkose unumgänglich. Bei kleineren Eingriffen, etwa am Handgelenk, kommen meist Teilnarkosen zum Einsatz – hier wäre das die Betäubung der Nerven am Arm –, manchmal ergänzt durch ein leichtes Schlafmittel. Das klären wir individuell mit den Patientinnen und Patienten ab, unter Berücksichtigung von medizinischen Notwendigkeiten, Ängsten und Wünschen.
Teil- oder Vollnarkose – was wird häufiger eingesetzt?
Wir wenden beides häufig an, wobei Vollnarkosen leicht überwiegen. Die Vollnarkose besteht aus Schlafmitteln, Schmerzmitteln und Muskelrelaxanzien. Sie wird über die Vene verabreicht, die Patientin oder der Patient schläft innerhalb von Sekunden ein. Moderne Medikamente sind gut steuerbar, Nebenwirkungen minimal. Teilnarkosen sind besonders bei kleineren Eingriffen passend, da meist nur wenig oder kein Schlafmittel nötig ist und die Patientin oder der Patient dadurch schnell wieder wach ist.
Wie wird während der Narkose kontrolliert, ob alles in Ordnung ist?
Während des ganzen Eingriffs überwachen wir auf den Monitoren Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Atmung. Hinzu kommt die Beobachtung des Körpers wie Hautfarbe, Schwitzen oder Pupillenreaktion. Die ganzen technischen Geräte ermöglichen heute eine präzise Kontrolle. Ausserdem ist immer eine Anästhesiefachperson vor Ort, vergleichbar mit einem Piloten im Cockpit, der sozusagen auf Start, Flug und Landung achtet.
Kann es bei einer Teilnarkose passieren, dass die Patientin oder der Patient Panik kriegt?
Das kommt selten vor. Wir versuchen das durch klärende Vorgespräche und das richtige Timing von Medikamenten zu vermeiden. Wenn es doch passieren sollte, können wir die Teilnarkose jederzeit beispielsweise mit Schmerzmitteln ergänzen oder auf eine Vollnarkose umstellen.
«Wichtig ist, dass sich die Patientinnen und Patienten sicher fühlen und wissen, dass wir jederzeit eingreifen können.»
Dr. med. Patrick Wettstein
Chefarzt Anästhesie
Wie läuft die Aufwachphase ab?
Nach einer Vollnarkose wird die Zufuhr der Medikamente schrittweise gestoppt, es folgt eine meist kurze Phase, in der man zwar wach, aber noch leicht benommen ist. Die Verantwortung geht schrittweise vom OP-Team auf das Personal des Aufwachraums und später der Station über. In dieser frühen Phase nach dem Eingriff ist die Anästhesie weiterhin Ansprechpartnerin für die Schmerzbehandlung und Folgen der Narkose wie Kreislaufprobleme oder Übelkeit.
Welche Risiken bestehen bei einer Narkose?
Bei Routineeingriffen sind ernsthafte Risiken extrem selten. Kleinere Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Halsschmerzen durch die Beatmungsschläuche kommen gelegentlich vor. Ältere oder schwer vorerkrankte Patientinnen oder Patienten brauchen manchmal mehr Zeit, bis sie nach einer Narkose wieder orientiert sind; da ist Vorsicht geboten.
Wie hat sich die Anästhesie in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Die Verfahren sind viel sicherer geworden. Wir haben präzise steuerbare Medikamente und deutlich weniger Nebenwirkungen. Früher war die Aufwachphase nach den Eingriffen oft viel länger. Heute können wir die Narkose individuell anpassen und die Vitalfunktionen optimal überwachen. Geräte zur Kreislauf- und Hirnstromüberwachung helfen, die Narkosetiefe präzise zu steuern. Aber die Geräte oder die künstliche Intelligenz ersetzen die in der Anästhesie tätigen Menschen nicht – oder vielleicht noch nicht. Unsere individuelle Einschätzung ist nach wie vor zentral.
Gibt es spezielle Momente aus Ihrem Berufsleben, die Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?
Ja, zum Beispiel Patientinnen oder Patienten mit grosser Angst vor der Narkose, die wir mit einem ausführlichen Gespräch beruhigen konnten. Oder wenn bei einem komplexen Eingriff die Zusammenarbeit im Team perfekt funktioniert und alles reibungslos läuft. Solche Momente zeigen, dass Vertrauen, Kommunikation und Technik Hand in Hand gehen. Die Patientinnen und Patienten sollen sich sicher fühlen – sowohl bei bei der Chirurgin oder beim Chirurgen als auch bei uns Anästhesistinnen und Anästhesisten. Der Job verlangt Teamarbeit, ist technisch anspruchsvoll und gleichzeitig sehr menschlich.
Was fasziniert Sie persönlich an Ihrem Fachgebiet?
Die Vielfältigkeit in der Zusammenarbeit. Wir arbeiten sehr eng mit ganz vielen Berufsgruppen zusammen – mit Chirurgen, Intensivmedizinerinnen oder dem Pflegepersonal, um nur einige zu nennen. Dann auch die Sichtbarkeit des eigenen Handelns. Man sieht meist unmittelbar, was man bewirkt. Und bei aller Technik auch die persönlichen Aspekte. Besonders schön ist, wenn man eine Patientin, einen Patienten sicher durch die Operation begleitet, ihr oder ihm die Angst nimmt und am Ende positives Feedback bekommt.
Mehr erfahren im Podcast
Im Podcast spricht Patrick Wettstein über die Entwicklung der Anästhesie in den vergangenen Jahrzehnten sowie über Ängste und Feedbacks von Patientinnen und Patienten.