«Die Kommunikation mit den Patienten ist in allen Fällen entscheidend»
Der Bauch ist sozusagen sein chirurgisches Zuhause: Matthias Schneider, Chefarzt und Departementsleiter Chirurgische Kliniken und Leiter Venenzentrum am Spital Emmental, über komplizierte Bauchwandeingriffe, die Tagesform im OP und Roboterassistenzen.
Text: Luk von Bergen • Geprüft von: Dr. med. Matthias Schneider, Chefarzt und Departementsleiter Chirurgische Kliniken
Herr Schneider, was fasziniert Sie besonders an der Chirurgie?
Die Chirurgie ist in erster Linie ein Handwerk. Ich empfinde sie weniger als akademische Tätigkeit, sondern vielmehr als Möglichkeit, Menschen mit den eigenen Händen zu helfen – das fasziniert mich. Natürlich spielen auch Biologie, Physiologie und Pathologie eine Rolle. Aber der direkte, handwerkliche Aspekt ist für mich das Entscheidende – ähnlich wie bei einem Mechaniker, der etwas repariert.
Sie haben sich auf die Viszeralchirurgie spezialisiert. Worum genau geht es da?
Im Wesentlichen um alle Organe im Bauchraum: Magen, Darm, Leber, Gallenblase, Milz und um die Bauchwand. Ein wichtiger Schwerpunkt sind Bauchwandbrüche und natürlich auch Krebserkrankungen im Magen-Darm-Trakt.
Wo liegen in der Bauchchirurgie die grössten Herausforderungen?
Jeder Mensch ist anatomisch ein wenig anders, das ist oft entscheidend. Selbst wenn man einen Eingriff häufig durchführt, ist es an diesem einen Patienten, dieser einen Patientin das erste Mal. Je nach Bauch muss man improvisieren können, Pläne anpassen und flexibel auf Situationen reagieren. Das macht den Reiz und die Schwierigkeit aus.
Wie können wir uns Ihre Arbeit konkret vorstellen?
Heute arbeiten wir vor allem minimalinvasiv, also mit kleinen Schnitten, um in den Bauchraum zu gelangen. Wenn man minimalinvasiv keinen guten Überblick über das Problem bekommt, ist ein offener Eingriff notwendig – vor allem bei Notfällen. Es kommt aber auch auf die Patientin oder den Patienten an und darauf, wie viel man der Person zumuten kann. Im Bauch treffen Sie auf Blut, krankes Gewebe, Deformationen, komplexe Situationen – wie gehen Sie damit um? Ein österreichischer Chefarzt der Unfallchirurgie sagte einst auf die gleiche Frage humorvoll, er hätte eigentlich Automechaniker werden wollen, könne aber kein Öl sehen. Klar, man muss schon eine Affinität zur Sache haben und die Dinge nicht als abstossend empfinden. Da hilft die Erfahrung. Als Chirurg sehe ich das Problem und muss es abdichten wie ein Sanitär oder ein Mechaniker.
«Die Verantwortung für die Patientin oder den Patienten steht immer im Vordergrund.»
Matthias Schneider
Chefarzt und Departementsleiter Chirurgische Kliniken
Sind Sie vor Eingriffen nervös und welche Rolle spielt da die Tagesform?
Die Tagesform darf keine Rolle spielen. Selbst wenn man sich nicht ganz wohl fühlt, muss man handlungsfähig sein.
Und was die Nervosität betrifft: Sich und die Situation im Griff zu haben, ist sehr wichtig in diesem Beruf, das geht nicht anders. Aber die Schicksale von Patientinnen und Patienten können einen schon belasten, da muss ich ehrlich sein.
Bauchwandbrüche gehören zu Ihrem Spezialgebiet. Worum geht es da?
Nach einer Operation kann es vorkommen, dass die Bauchwand manchmal nicht richtig verheilt und Muskeln und Gewebe auseinanderweichen. Das kann funktionelle Probleme verursachen, da die Bauchwand wichtig für Haltung und Atmung ist. Um sie zu rekonstruieren und zu stabilisieren, setzen wir oft Netzimplantate ein, was durchaus komplex ist. Solche Eingriffe dauern teilweise mehrere Stunden.
Als Departementsleiter Chirurgie sind Sie auch für die Organisation und das Budget verantwortlich. Das klingt weniger nach Handwerk, sondern eher nach Schreibtischarbeit.
Dieser Teil der Arbeit ist ebenfalls wichtig, auch wenn ich eigentlich lieber operiere. Mit dem Administrativen legen wir die Basis, um medizinisch gut arbeiten zu können. Dabei geht es auch um die Weiterentwicklung der Chirurgie am Spital Emmental.
Apropos: Das Spital Emmental setzt seit vergangenem Herbst auf Roboterunterstützung in der Chirurgie – wie funktioniert das?
Das Gerät heisst «Dexter» und ist kein selbstständig operierender Roboter. Aber er verbessert die Beweglichkeit der Instrumente bei minimalinvasiven Eingriffen im Bauchraum. Ich steuere ihn über zwei Joysticks und sitze nicht direkt am OPTisch. Die Kamera ist dieselbe wie bei einer herkömmlichen Laparoskopie, aber die Instrumente lassen sich präziser bewegen. Bevor eine solche Roboterassistenz zum Einsatz kommt, absolvieren wir Kurse und Trainings unter Anleitung der Hersteller. Danach folgt die erste Operation mit einem erfahrenen Team.
... und einer Patientin, welche zum Versuchskaninchen wird?
Die Kommunikation mit der Patientin, dem Patienten ist in allen Fällen entscheidend. Wir klären über mögliche Eingriffe, Komplikationen oder Risiken auf. Und klar, die Rolle des Roboters wird ebenfalls thematisiert, sofern er zum Einsatz kommt. Als Chirurg versucht man sich stets in die Lage der Patientin oder des Patienten zu versetzen. Was würde ich mir selbst wünschen? Dieser Austausch findet ehrlich und offen statt. Das schafft Vertrauen und sorgt dafür, dass Patientinnen und Patienten gut informiert sind und gemeinsam mit uns eine Entscheidung treffen können.
Wie wirkt sich das Internet auf die Entscheidungen der Patientinnen und Patienten aus?
Es spielt eine Rolle, da sich viele Menschen online informieren. Aber letztlich sind wir die Entscheidungsträger. Neue Technologien können die Informationsflut noch verstärken. Hier ist Aufklärung wichtiger denn je. Ehrlich gesagt finde ich die infantile Affinität zu modernen Technologien nicht nur gut – auch in der Medizin nicht. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe und das Ziel, den Menschen im Emmental auch möglichst viele medizinische Neuentwicklungen bieten zu können.
Sie sind Chefarzt der Chirurgie, Departementsleiter. Wie bewältigen Sie dieses Monsterpensum?
Der Beruf bringt generell viel Verantwortung mit sich, vor allem, wenn man in leitender Position arbeitet. Aber es stimmt, mit all diesen Aufgaben ist die Verantwortung nochmals deutlich gewachsen.
Welche Ihrer Aufgaben machen Sie am liebsten?
Am meisten Freude habe ich an der Ausbildung unserer Oberärztinnen und Oberärzte. Hier besteht meine Aufgabe darin, jüngere Kolleginnen und Kollegen zu begleiten, zu coachen und meine Erfahrungen weiterzugeben – das ist für mich das Herzstück meiner Arbeit.