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05. März 2026
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Psychiatrie

Angststörungen: Wenn die Angst unser Leben bestimmt

Klaustrophobie, Angst vor Spinnen, Höhenangst, Angst vor dem Fliegen – die Liste der Ängste ist lang. Angst an sich ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Sie dient als Warnsystem, das uns vor Gefahren schützt. Doch was, wenn sie plötzlich unser Leben beherrscht? Wenn sie uns daran hindert, den Alltag zu bewältigen, das Haus zu verlassen oder zur Arbeit zu gehen? Dann sprechen Fachleute von einer Angststörung – einer Erkrankung, die zwar belastend, jedoch gut behandelbar ist.

Text: Anja Gerber • Geprüft von: Dr. med. Florian Weiss, Leitender Arzt Psychiatrie

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Normale Angst empfinden wir alle: vor einem wichtigen Termin, vor einer Prüfung oder in einer gefährlichen Situation. «Angst ist eine lebenswichtige Emotion», erklärt Florian Weiss, Leitender Arzt in der Psychiatrie am Spital Emmental, und fährt fort: «Sie mobilisiert Energie und Konzentration und hält uns davon ab, Risiken einzugehen, die uns schaden.»

Wo liegt die Grenze zur Angststörung?

Problematisch wird Angst erst, wenn sie häufig auftritt, unverhältnismässig stark ist und übermächtig wird – wenn sie unser Denken, Fühlen und Handeln dominiert. Personen mit einer Angststörung entwickeln oft ein Vermeidungsverhalten: Sie meiden Situationen, die Angst auslösen könnten, wie öffentliche Verkehrsmittel, Menschenmengen oder bestimmte Orte. Für die Betroffenen entsteht dadurch ein Leidensdruck. Sie können nicht mehr einkaufen oder arbeiten gehen und vermeiden häufig auch Treffen mit Freunden. Treten die Angstzustände besonders stark auf, über einen längeren Zeitraum an mehreren Tagen die Woche, führen sie zu Einschränkungen im Alltag und wirken belastend, dann ist es höchste Zeit, sich Hilfe zu holen.

Kombination von mehreren Auslösern

Die Ursachen von Angststörungen sind vielfältig, erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie: «Einerseits spielen genetische Faktoren, also eine gewisse familiäre Veranlagung, eine Rolle. Andererseits können auch biologische Einflüsse, etwa eine erhöhte Aktivität bestimmter Hirnregionen oder gewisse Botenstoffe, beteiligt sein.» Ebenso wichtig sind psychosoziale Faktoren: Einflüsse aus der Umwelt, die sozialen Beziehungen einer Person oder deren Erziehung. Auch traumatische Erfahrungen können eine Angststörung auslösen. «Meistens ist es eine Kombination aus mehreren Auslösern, die eine Angststörung verursacht», sagt Florian Weiss und ergänzt: «Es gibt auch gewisse Charaktereigenschaften, die das Risiko einer Angststörung vergrössern. Menschen mit sensibler, perfektionistischer oder besonders verantwortungsbewusster Persönlichkeit neigen beispielsweise häufiger dazu, eine Angststörung zu entwickeln.» Auch das Geschlecht und das Alter haben einen Einfluss auf das Risiko, eine Angststörung zu erleiden. Junge Frauen sind häufiger von Angststörungen betroffen als Männer im gleichen Alter. Bei älteren Personen tritt eine Angststörung seltener auf.

Angst hat viele Gesichter

So unterschiedlich wie die Ursachen sein können, so viele verschiedene Formen von Angst gibt es auch. Fachleute unterscheiden zwischen spezifischen Phobien, also der Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen – etwa vor Spinnen, engen Räumen oder grossen Höhen –, und unspezifischen Ängsten, die sich nicht auf einen konkreten Auslöser beziehen. Dazu zählt etwa die Angst zu versagen, verlassen zu werden oder im Beruf Fehler zu machen. Manche Ängste erscheinen irrational, weil sie sich auf Dinge beziehen, die kaum eintreten können. Doch für die Betroffenen ist die Angst real. 

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«Der Körper schaltet auf Alarm, obwohl keine reale Gefahr besteht», beschreibt der Leitende Arzt. «Diese körperliche Reaktion ist echt – aber sie basiert auf einer Fehleinschätzung des Gehirns.» 

Dr. med. Florian Weiss
Leitender Arzt Psychiatrie

Eine Angststörung zeigt sich nicht nur im Kopf, sondern betrifft den ganzen Körper. Typische Symptome sind Schweissausbrüche, Herzrasen, Zittern, Schwindel oder innere Unruhe. Viele erleben auch die «Angst vor der Angst»: «Schon die Erwartung einer angstauslösenden Situation reicht aus, um in Panik zu geraten», erläutert Florian Weiss.

Angst kommt selten allein

Angststörungen treten häufig gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen auf, etwa Depressionen oder Zwangsstörungen. Manche Betroffene versuchen auch, ihre Angst mit Alkohol oder angstlösenden Medikamenten wie Benzodiazepinen zu betäuben – was schnell zu einer Abhängigkeit führen kann. Daher gilt: Je früher die Diagnose gestellt und die Krankheit behandelt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Denn Angststörungen zählen zu den am besten therapierbaren psychischen Erkrankungen.

Schritt für Schritt aus der Angst

Die wirksamste Behandlung ist meist eine Kombination aus Psychotherapie und, falls nötig, medikamentöser Unterstützung. In der Psychotherapie, besonders in der kognitiven Verhaltenstherapie, lernen Betroffene, sich ihrer Angst zu stellen. Sie setzen sich in Begleitung einer Fachperson mit ihrer Angst auseinander. Zunächst nur in Gedanken, dann in Gesprächen und später auch in der Realität bei Expositionsübungen. «Die Betroffenen müssen die Angst gewissermassen verlernen», erklärt Florian Weiss. «Wer eine Situation meidet, bestätigt unbewusst die Angst und ‹füttert› diese gewissermassen. Erst wenn man sich ihr stellt und merkt, dass nichts Schlimmes passiert, verliert sie ihre Macht.» Medikamente können bei dieser Therapie unterstützend wirken, vor allem, um akute Symptome zu lindern. Eine rein medikamentöse Behandlung ist jedoch selten sinnvoll, da sie die Ursache nicht beseitigt – im Gegenteil: Bestimmte angstlösende Mittel bergen das Risiko einer Abhängigkeit.

Gute Aussichten auf Heilung

Mit der richtigen Behandlung können Betroffene ihre Angststörung vollständig überwinden. Rückfälle sind möglich, doch wer einmal gelernt hat, mit der Angst umzugehen, kann frühzeitig gegensteuern. «Angststörungen sind kein Schicksal», betont Florian Weiss. «Mit professioneller Hilfe und etwas Geduld lässt sich die Angst in den Griff bekommen – und das Leben kann wieder frei gestaltet werden.»


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